Risikoeinschätzung (2)

Die Studien von Dr. Stapf haben einige interessante Zahlen zum Blungungsrisiko von arteriovenösen Malformationen geliefert. Im Artikel "Predictors of hemorrhage in patients with untreated brain arteriovenous malformations" von 2006 schlagen die Autoren vor, nicht mehr alle AVM gleichwertig zu betrachten. Je nach dem, ob eine AVM bereits geblutet hat, je nach Lage und venösem Blutabfluss verändert sich das jährliche Risiko.

Weil die Zahlen an sich aber immer noch ziemlich abstrakt sind (und durch die neuen "Parameter" nur komplexter werden), habe ich versucht, dazu einen allgemeinen Risikorechner zu erstellen:

 

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Das Problem mit der Wahrscheinlichkeit

Hier habe ich mich ziemlich schwer getan und die Werte sind recht fiktiv. Es kommen mehrere Faktoren ins Spiel, mit denen ich nicht so recht umzugehen wusste:

  • Laut den Leitlinien der DGN bluten nur 40-60% aller AVM überhaupt. Daraus abgeleitet liegt die Wahrscheinlichkeit bei mindestes 40% (und eigentlich bei max. 60%?).
  • Ebenfalls laut DGN liegt das Risiko für eine weitere Blutung in 20 Jahren bei 50%. Laut Stapt et al. steigt es auf jährlich etwa 4,5%. Daraus abgeleitet habe ich zur Wahrscheinlichkeit einfach mal 10% addiert, ohne zu wissen, ob das so einfach funktioniert.
  • Laut DGN haben bis zum Lebensalter von 40 Jahren 72% aller AVM, die jemals bluten, geblutet. Bei Kindern liegt das Risiko auf 25 Jahre gesehen bei 85%, bei Erwachsenen nur bei 35%. Daraus abgeleitet habe ich - ebenfall frei nach eigenem Ermessen - in Abhängigkeit des Alters Prozentpunkte addiert oder abgezogen.
  • Laut Berlit (Klinische Neurologie 2006) nimmt das jährliche Blutungsrisiko mit steigendem Alter zu, was meinem Modell widerspricht. Wenn man aber davon ausgeht, dass mit 40 Jahren 72% aller blutungsanfälligen AVM eine Hirnblutung ausgelöst haben, bleiben bei den restlichen Jahren ja nur noch 28%?!
  • Ebenfalls laut Berlit ist das Risiko bei "Frauen im reproduktionsfähigen Alter erhöht". Daher habe ich für Frauen im Alter zwischen 15 und 45 einfach mal einen Mutterzuschlag von 1 Prozent ergänzt. Dem widerspricht eigentlich das Ergebnis der New Yorker Studie, hier konnte kein "signifikanter" Zusammenhang zum Geschlecht nachgewiesen werden.
  • Zudem habe ich versucht, die Werte von Stapf et al. in die Wahrscheinlichkeitsrechnung einfließen zu lassen. Allerdings habe ich die Werte des jährlichen Risikos nicht 1:1 übernommen, sondern nach eigenem Ermessen verringert, sonst wäre die Wahrscheinlichkeit zum Teil über 100% geschossen, was ja nicht sein kann, wenn nur 40-60% aller AVM bluten.

Fazit

Die Werte zum jährlichen Blutungsrisiko orientieren sich an den wissenschaftlichen Ergebnissen der New Yorker Großstudie von Stapf et al. und sind daher weitestgehend repräsentativ. Die Werte der Wahrscheinlichkeitsrechnung sind frei erfunden und daher eigentlich nicht zu gebrauchen. Ich habe keine Ahnung, wie man die Wahrscheinlichkeit genauer bestimmen kann und sehe es auch nicht als meine Aufgabe an. Ich hoffe für die AVM-Patienten, durch die ARUBA-Studie werden neue Zahlen bekannt, die eine Wahrscheinlichkeitsrechnung erleichtern. Ich Frage mich, wie behandelnde Ärzte mit der Frage der Wahrscheinlichkeit umgehen...

Ursprünglich hatte ich gedacht, man kann einfach das jährliche Blutungsrisiko mit der verbleibenden Lebensdauer multiplizieren (die Lebensdauer-Anzeige ist noch ein Überbleibsel von dem Ansatz). Das kann aber nicht funktionieren, sonst wären viele AVM-Patienten mit "bösen" AVM mit extrem hohem jährlichen Blutungsrisiko längst tot. Es bluten ja nicht alle AVM, daher kann die Wahrscheinlichkeit nie bei 100% liegen...

Zur Darstellung an sich: Das war nur ein Experiment und ist in der Form nicht in der Patientenaufklärung zu gebrauchen. Es ist aber schon mal ein interessanter Ansatz, der sich verbessern lässt. Ob die Wahrscheinlichkeitsanzeige in dieser Form überhaupt in der Patientenaufklärung Sinn macht, wage ich nach dem Experiment zu bezweifeln.

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